Die Haltbarkeit nach Anbruch – auch Aufbrauchfrist genannt – ist die Zeit, in der ein Arzneimittel nach dem ersten Öffnen verwendet werden darf. Sie ist präparatabhängig, steht in Fachinformation und Packungsbeilage und kann deutlich kürzer sein als das aufgedruckte Verfalldatum. Deshalb gehören Anbruchdatum und „verwendbar bis“-Datum auf jede angebrochene Packung.
Allgemeingültige Fristen je Darreichungsform gibt es nicht: Augentropfen, Säfte, Tropfen, Salben und Insuline unterscheiden sich von Präparat zu Präparat. Die Tabelle auf dieser Seite zeigt belegte Beispiele und eine Vorlage, in die die Apotheke die Fristen der Präparate Ihrer Einrichtung einträgt.
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Was bedeutet „Haltbarkeit nach Anbruch“?
Auf jeder Packung stehen zwei verschiedene Zeitangaben, die im Alltag oft verwechselt werden:
- Verfalldatum: Bis zu diesem Datum ist das Arzneimittel in der ungeöffneten Originalpackung bei vorschriftsmäßiger Lagerung haltbar.
- Haltbarkeit nach Anbruch (Aufbrauchfrist): Ab dem ersten Öffnen läuft bei vielen Präparaten eine eigene, kürzere Frist. Gründe sind vor allem mögliche Verkeimung bei jeder Entnahme, Verdunstung und chemische Veränderungen durch Luft, Licht oder Wärme.
Maßgeblich ist immer das frühere der beiden Daten. Eine Flasche, die drei Wochen vor ihrem Verfalldatum geöffnet wird, ist nicht länger verwendbar, nur weil die Aufbrauchfrist länger wäre.
Für Arzneimittel in Mehrdosenbehältnissen prüft der Hersteller im Zulassungsverfahren, wie lange das Präparat nach dem Öffnen stabil bleibt. Die europäische Arzneimittelagentur EMA beschreibt dafür in einer eigenen Leitlinie, wie diese „Haltbarkeit während des Gebrauchs“ zu untersuchen ist. Das Ergebnis steht in Abschnitt 6.3 der Fachinformation.
Wo steht die Aufbrauchfrist?
- Fertigarzneimittel: in der Fachinformation unter 6.3 „Dauer der Haltbarkeit“, in der Packungsbeilage im Abschnitt „Wie ist … aufzubewahren?“ und häufig auf dem Umkarton. Dort steht auch, wie das Präparat nach Anbruch zu lagern ist – das kann von der Lagerung vor Anbruch abweichen.
- Rezepturarzneimittel aus der Apotheke: auf dem Etikett. Die Apothekenbetriebsordnung verlangt dort die Verwendbarkeitsfrist („verwendbar bis“) und, soweit erforderlich, die Haltbarkeit nach dem Öffnen des Behältnisses (§ 14 Abs. 1 Nr. 7 ApBetrO). Für Rezepturen ohne eigene Stabilitätsdaten orientieren sich Apotheken an allgemeinen Richtwerten des Neuen Rezeptur-Formulariums (NRF), die nach Darreichungsform, Konservierung und Behältnis unterscheiden.
- Verblisterte Arzneimittel: auf dem Blisteretikett. Für neu verpackte Tabletten und Kapseln legt die Apotheke die Verwendbarkeit fest; wie das geschieht, erklärt die Eignungsbewertung der Apotheke.
Manche Fachinformationen nennen ausdrücklich keine eigene Frist – bei einer Hydrocortison-Creme heißt es etwa „Nach Anbruch bis zum aufgedruckten Verfalldatum haltbar“. Fehlt eine Angabe ganz oder ist sie unklar, wird keine Frist geschätzt. Fragen Sie die Apotheke; sie klärt die Angabe anhand der aktuellen Fachinformation oder beim Hersteller.
Aufbrauchfristen nach Darreichungsform: belegte Beispiele
Die folgende Tabelle zeigt, wo die Frist zu finden ist, und belegt mit Beispielen aus aktuellen Fachinformationen, wie unterschiedlich sie ausfällt. Die Beispiele gelten nur für das genannte Präparat – ein Generikum mit demselben Wirkstoff oder eine andere Packungsform kann eine andere Frist haben.
| Darreichungsform | Belegtes Beispiel | Lagerung nach Anbruch im Beispiel | Worauf achten |
|---|---|---|---|
| Tropfen zum Einnehmen | Metamizol-Tropfen 500 mg/ml (ein Präparat): 6 Monate nach Anbruch | Keine besonderen Lagerungsbedingungen | Lange Frist ist nicht die Regel; Tropfflasche nach Gebrauch verschließen |
| Trockensaft (zubereitet) | Amoxicillin-Trockensaft (ein Präparat): 14 Tage nach Zubereitung | Im Kühlschrank bei 2–8 °C | Frist beginnt mit der Zubereitung, nicht mit der ersten Gabe |
| Creme in der Tube | Hydrocortison-Creme 0,5 % (ein Präparat): bis zum aufgedruckten Verfalldatum | Nicht über 30 °C | Keine eigene Frist ist möglich – aber nur, wenn die Fachinformation das sagt |
| Augentropfen, Mehrdosenflasche | Brinzolamid/Brimonidin (ein Präparat): 4 Wochen; Latanoprost/Netarsudil (ein Präparat): 4 Wochen | Erstes Beispiel ohne besondere Bedingungen; zweites vor Anbruch im Kühlschrank, nach Anbruch nicht über 25 °C | Lagerung kann sich mit dem Anbruch ändern |
| Augentropfen, Einzeldosis | Bimatoprost/Timolol Einzeldosis (ein Präparat): Behältnisse nach Entnahme aus dem Beutel innerhalb von 7 Tagen verwenden | Im Beutel und Umkarton; geöffnetes Einzeldosisbehältnis sofort nach Gebrauch verwerfen | Zwei Fristen: für den Beutel und für das einzelne Behältnis |
| Insulin-Fertigpen | Insulin glargin: 4 Wochen; Insulin detemir: 6 Wochen; Insulin degludec: 8 Wochen (je ein Präparat) | Jeweils nicht über 30 °C; beim ersten Beispiel nicht mehr im Kühlschrank, bei den anderen Kühlschrank zulässig | Mehr dazu unter Insulin im Pflegeheim |
| Rezepturen (Salben, Lösungen, Kapseln) | Frist auf dem Etikett der herstellenden Apotheke | Laut Etikett | Behältnis (Tube oder Kruke) beeinflusst die Frist |
| Nasensprays, Inhalativa, Ohrentropfen, Gele | Laut Fachinformation des jeweiligen Präparats | Laut Fachinformation | In die Hausliste aufnehmen |
Quellen der Beispiele siehe Quellenblock unten. Die Präparate sind Belege für die Spannweite, keine Empfehlung und keine abschließende Liste. Vor der Anwendung gilt immer die Fachinformation bzw. Packungsbeilage der tatsächlich vorhandenen Packung.
Vorlage: Hausliste „Haltbarkeit nach Anbruch“
Pauschale Faustregeln ersetzen die Fachinformation nicht. Praktischer ist eine Liste der Präparate, die in Ihrem Wohnbereich tatsächlich angebrochen werden. Die Vorlage lässt sich ausdrucken und gemeinsam mit der Apotheke ausfüllen; nach einem Präparatewechsel wird die Zeile aktualisiert.
| Präparat und Stärke | Darreichungsform | Frist nach Anbruch laut Fachinformation | Lagerung nach Anbruch | Quelle und Stand | Geprüft von / am |
|---|---|---|---|---|---|
| [Präparat] | [z. B. Augentropfen] | [Tage / Wochen / Monate] | [z. B. nicht über 25 °C] | [Fachinformation, Stand] | [Kürzel, Datum] |
| [Präparat] | [ ] | [ ] | [ ] | [ ] | [ ] |
| [Präparat] | [ ] | [ ] | [ ] | [ ] | [ ] |
| [Präparat] | [ ] | [ ] | [ ] | [ ] | [ ] |
Wie dokumentiert die Pflege das Anbruchdatum richtig?
Die richtige Frist nützt nichts, wenn niemand weiß, wann die Flasche geöffnet wurde. Bewährt hat sich ein fester Ablauf, der in der Verfahrensanweisung der Einrichtung steht:
Beim ersten Öffnen beschriften
Auf das Behältnis selbst – nicht nur auf den Umkarton, der verloren gehen kann – „Anbruch: TT.MM.JJJJ“ und „verwendbar bis: TT.MM.JJJJ“ schreiben, dazu das Handzeichen. Bei kleinen Flaschen ein Etikett verwenden, das die Gebrauchsinformation nicht verdeckt.
„Verwendbar bis“ ausrechnen
Anbruchdatum plus Frist laut Fachinformation, aber nie später als das Verfalldatum. Bei zubereiteten Säften zählt der Tag der Zubereitung. Bei manchen Insulinpens zählt laut Fachinformation auch die Zeit, in der ein ungeöffneter Pen als Ersatz bei Raumtemperatur mitgeführt wird.
Bewohnerbezogen und einzeln
Jede angebrochene Packung gehört genau einer Person. Angebrochene Tropfen oder Salben werden nicht für andere Bewohner verwendet, auch nicht „zum Aufbrauchen“.
Bei jeder Gabe prüfen
Vor der Anwendung kurz auf „verwendbar bis“ schauen. Ist kein Anbruchdatum vermerkt, wird die Packung nicht weiterverwendet, sondern mit der Wohnbereichsleitung bzw. der Apotheke geklärt.
Nachbestellung rechtzeitig auslösen
Läuft eine Frist bald ab und wird das Arzneimittel weiter benötigt, rechtzeitig Ersatz anfordern – besonders vor Wochenenden und Feiertagen.
Abgelaufenes aussondern
Abgelaufene Packungen sofort aus dem Bestand nehmen und nach dem Verfahren der Einrichtung entsorgen; siehe Arzneimittel im Pflegeheim entsorgen.
Die Lagerungsregeln insgesamt – Kühlschrank, Raumtemperatur, Verfallkontrolle – beschreibt Medikamentenlagerung im Pflegeheim. Für die Gabedokumentation siehe Medikamentengabe dokumentieren.
Beispiel: Drei Augentropfen, ein Wohnbereich
Das folgende Beispiel ist typisiert und beschreibt keine konkrete Einrichtung. Bei einer Kontrolle im Wohnbereich finden sich bei einer Bewohnerin drei angebrochene Fläschchen desselben Augentropfens: eines mit Anbruchdatum vor sieben Wochen, eines ohne Datum und eines, das vor fünf Tagen geöffnet wurde. Offenbar wurde in verschiedenen Schichten jeweils eine neue Flasche geöffnet, weil die vorherige nicht gefunden wurde.
Die Lösung ist organisatorisch: ein fester Platz pro Bewohner für angebrochene Tropfen, nur eine geöffnete Flasche je Präparat, das Anbruchdatum als Pflichtschritt beim Öffnen und ein Hinweis in der Hausliste, dass dieses Präparat vier Wochen nach Anbruch verworfen wird. Die beiden älteren Flaschen werden entsorgt. Die Apotheke prüft, ob die Packungsgröße zum Verbrauch passt.
Was die Apotheke beiträgt
Die heimversorgende Apotheke prüft im Rahmen des Versorgungsvertrags nach § 12a Apothekengesetz regelmäßig die ordnungsgemäße, bewohnerbezogene Aufbewahrung – dazu gehören Anbruch- und Verfalldaten. antares unterstützt Einrichtungen in Hamburg darüber hinaus nach Absprache:
- mit einer Hausliste der häufig angebrochenen Präparate und ihrer Fristen, abgeglichen mit der jeweils aktuellen Fachinformation,
- mit einem Hinweis, wenn sich nach einem Präparatewechsel (etwa wegen eines Rabattvertrags oder Lieferengpasses) die Frist ändert,
- mit Schulungen zu Lagerung und Haltbarkeit für die Teams im Wohnbereich,
- mit Klärung im Einzelfall, wenn eine Angabe fehlt oder unklar ist.
Verblisterte Tabletten und Kapseln haben keine Anbruchfrage im Wohnbereich: Jeder Beutel wird zum Einnahmezeitpunkt geöffnet und vollständig verwendet. Tropfen, Säfte, Salben, Augentropfen und Insuline bleiben dagegen in der Originalpackung und damit Aufgabe der Pflege. Welche Arzneimittel verblistert werden und welche nicht, zeigt Welche Medikamente sich zur Verblisterung eignen. Druckbare Hilfen für den Wohnbereich sammelt die Seite Arbeitshilfen.
Diese Seite ersetzt weder Fachinformation noch Packungsbeilage. Die Beispiele geben den Stand der abgerufenen Fachinformationen wieder; Hersteller können Angaben ändern. Ob ein Arzneimittel angewendet wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt; ob eine angebrochene Packung noch verwendbar ist, klärt im Zweifel die Apotheke.
- Fachinformation Novaminsulfon-ratiopharm 500 mg/ml Tropfen, Stand Januar 2026, Abschnitt 6.3/6.4 (fachinfo.de), abgerufen am 17.10.2026.
- Fachinformation Amoxicillin-ratiopharm TS, Stand Mai 2026, Abschnitt 6.3 (fachinfo.de), abgerufen am 17.10.2026.
- Fachinformation Hydrocortison-ratiopharm 0,5 % Creme, Stand März 2021, Abschnitt 6.3/6.4 (fachinfo.de), abgerufen am 17.10.2026.
- EMA, Produktinformationen (EPAR) Simbrinza, Roclanda und Ganfort, Abschnitte 6.3/6.4, abgerufen am 17.10.2026.
- EMA, Produktinformationen (EPAR) Lantus, Levemir und Tresiba, Abschnitte 6.3/6.4, abgerufen am 17.10.2026.
- EMA: Note for guidance on in-use stability testing of human medicinal products, CPMP/QWP/2934/99, wirksam seit 01.09.2001.
- Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO), § 14 Abs. 1 Nr. 7 und 8 (Kennzeichnung von Rezepturarzneimitteln), gesetze-im-internet.de, abgerufen am 17.10.2026.
- Pharmazeutische Zeitung: „Wie lege ich die Aufbrauchsfrist für eine Rezeptur fest?“ (zu den NRF-Richtwerten, Tabelle I.4.-2).
- Apothekengesetz (ApoG), § 12a Abs. 1 (Überprüfung der bewohnerbezogenen Aufbewahrung).
Fragen zur Haltbarkeit nach Anbruch
Wie lange sind Augentropfen nach Anbruch haltbar?
Das steht in der Packungsbeilage des jeweiligen Präparats. Bei vielen konservierten Augentropfen in Mehrdosenflaschen sind es einige Wochen, bei zwei aktuell geprüften Präparaten jeweils 4 Wochen. Einzeldosisbehältnisse werden nach dem Öffnen in der Regel sofort verworfen. Eine allgemeingültige Frist für alle Augentropfen gibt es nicht.
Wie lange ist ein Saft nach dem Öffnen haltbar?
Das hängt vom Präparat ab. Antibiotika-Trockensäfte sind nach der Zubereitung oft nur kurz haltbar und teils im Kühlschrank zu lagern – bei einem geprüften Amoxicillin-Trockensaft 14 Tage bei 2–8 °C. Andere Säfte und Tropfen können mehrere Monate verwendbar sein. Maßgeblich ist die Packungsbeilage.
Wie lange ist eine Salbe in der Tube nach Anbruch haltbar?
Bei Fertigarzneimitteln steht es in der Packungsbeilage; manche Cremes sind laut Fachinformation bis zum Verfalldatum verwendbar. Bei Rezepturen aus der Apotheke steht die Frist auf dem Etikett; sie hängt unter anderem vom Behältnis ab, Tuben schützen in der Regel besser als Kruken.
Was gilt, wenn in der Packungsbeilage keine Frist nach Anbruch steht?
Dann wird keine Frist geschätzt. Fragen Sie die Apotheke: Sie prüft die aktuelle Fachinformation und klärt die Angabe bei Bedarf beim Hersteller. Das Ergebnis wird in die Hausliste der Einrichtung übernommen.
Gilt die Aufbrauchfrist auch, wenn das Verfalldatum später liegt?
Ja. Nach dem Öffnen gilt das frühere der beiden Daten: entweder Anbruchdatum plus Frist oder das aufgedruckte Verfalldatum.
Muss das Anbruchdatum im Pflegeheim dokumentiert werden?
Ohne Anbruchdatum lässt sich eine Aufbrauchfrist nicht einhalten. Deshalb gehört es zum Standard bewohnerbezogener Aufbewahrung und wird bei der Überprüfung durch die heimversorgende Apotheke kontrolliert. Wie und wo es vermerkt wird, legt die Verfahrensanweisung der Einrichtung fest.
Darf eine angebrochene Packung für einen anderen Bewohner verwendet werden?
Nein. Arzneimittel im Pflegeheim gehören der Person, für die sie verordnet wurden. Angebrochene Tropfen, Salben oder Pens werden nicht weitergegeben – auch aus hygienischen Gründen.
Sie möchten eine Hausliste der Aufbrauchfristen für Ihre Einrichtung oder eine Schulung für Ihre Teams? Sinah Gaebert bespricht mit Ihnen, was antares dafür vorbereiten kann.
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