Praxisthema7 Min. Lesezeit

Sturzrisiko durch Medikamente: erkennen, beobachten, überprüfen lassen

Stürze haben viele Ursachen. Die Medikation ist eine der wenigen, die sich gezielt überprüfen lassen. Welche Arzneimittel relevant sind und was die Pflege beitragen kann.
Apotheker und Pflegefachkraft prüfen Arzneimittel auf einem Medikamentenwagen im Pflegeheim
Kurz beantwortet: Welche Medikamente erhöhen das Sturzrisiko?

Zu den Arzneimitteln, die bei älteren Menschen das Sturzrisiko erhöhen können, gehören vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Antipsychotika, Opioide, blutdrucksenkende und harntreibende Arzneimittel sowie Antidiabetika, die zu Unterzuckerungen führen können. Das Risiko steigt mit der Zahl der Arzneimittel und mit Kombinationen, die Müdigkeit, Schwindel oder Blutdruckabfall verstärken.

Die Medikation gehört zu den Sturzrisikofaktoren, die sich gezielt überprüfen und beeinflussen lassen. Ob ein Arzneimittel angepasst wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt – Pflege und Apotheke liefern Beobachtungen und Hinweise.

Inhalt dieser Seite
  1. Wie Arzneimittel Stürze begünstigen
  2. Sturzbegünstigende Arzneimittelgruppen im Überblick
  3. Polypharmazie als eigener Risikofaktor
  4. Der Expertenstandard Sturzprophylaxe
  5. Was Pflegekräfte beobachten und weitergeben können
  6. Beispiel aus dem Pflegealltag
  7. Checkliste: Medikation und Sturzrisiko
  8. Wie Verblisterung und pharmazeutische Begleitung hier helfen können – und wo nicht
Fachliche Ansprechpartnerin: Sinah GaebertStand: 15.10.2026Lesezeit ca. 7 Min.

Wie Arzneimittel Stürze begünstigen

Stürze im Alter haben meist mehrere Ursachen: Muskelschwäche, Gang- und Gleichgewichtsstörungen, eingeschränktes Sehen, Demenz, Inkontinenz mit nächtlichem Toilettengang, Stolperfallen in der Umgebung. Arzneimittel wirken auf mehrere dieser Faktoren gleichzeitig – über drei Mechanismen:

  • Zentral dämpfend: Sie machen müde, verlangsamen Reaktionen und beeinträchtigen Aufmerksamkeit und Gleichgewicht.
  • Kreislaufwirksam: Sie senken den Blutdruck oder verlangsamen den Puls, sodass beim Aufstehen Schwindel entsteht (orthostatische Hypotonie).
  • Stoffwechselwirksam: Sie verursachen Unterzuckerung, Elektrolytverschiebungen oder Austrocknung, die zu Schwäche und Verwirrtheit führen.

Im europäischen Fachdiskurs werden solche Arzneimittel als „Fall-Risk-Increasing Drugs“ (FRIDs) bezeichnet. Für ihre Überprüfung gibt es inzwischen eigene Instrumente, etwa die STOPPFall-Liste einer Arbeitsgruppe der European Geriatric Medicine Society.

Sturzbegünstigende Arzneimittelgruppen im Überblick

Arzneimittelgruppen mit möglichem Einfluss auf das Sturzrisiko (allgemeine Übersicht)
GruppeMöglicher MechanismusWas die Pflege beobachten kann
Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine, Z-Substanzen)Sedierung, Muskelentspannung, verlangsamte Reaktion, Nachwirkung am MorgenMorgendliche Benommenheit, unsicherer Gang nachts und früh
AntidepressivaSedierung, Blutdruckabfall, bei manchen Wirkstoffen NatriummangelSchwindel, Müdigkeit, neue Verwirrtheit
AntipsychotikaSedierung, Blutdruckabfall, BewegungsstörungenSteifigkeit, kleinschrittiger Gang, Tagesmüdigkeit
OpioideSedierung, Schwindel, besonders zu Therapiebeginn und nach DosiserhöhungBenommenheit, Übelkeit, verlangsamte Reaktion
Blutdrucksenkende ArzneimittelOrthostatische Hypotonie, zu niedriger Blutdruck, langsamer PulsSchwindel beim Aufstehen, Schwarzwerden vor Augen
Harntreibende Arzneimittel (Diuretika)Flüssigkeitsverlust, Elektrolytverschiebungen, HarndrangEiliger Toilettengang, auch nachts; Schwäche bei wenig Trinkmenge
Antidiabetika mit Unterzuckerungsrisiko (z. B. Insulin, Sulfonylharnstoffe)HypoglykämieSchwitzen, Zittern, Verwirrtheit, besonders bei wenig Essen
Anticholinerg wirkende ArzneimittelVerwirrtheit, Sehstörungen, HarnverhaltZunehmende Desorientierung, unruhiges Verhalten

Allgemeine Übersicht. Viele dieser Arzneimittel sind für die betroffenen Menschen wichtig und dürfen nicht eigenständig abgesetzt oder verändert werden. Die Abwägung trifft die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Auch rezeptfreie Präparate gehören in die Betrachtung: Schlafmittel mit älteren Antihistaminika, Mittel gegen Reisekrankheit oder Hustenmittel mit dämpfender Wirkung. Sie stehen oft in keinem Medikationsplan.

Polypharmazie als eigener Risikofaktor

Neben einzelnen Wirkstoffen zählt die Gesamtzahl. Mit jedem zusätzlichen Arzneimittel steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich dämpfende oder blutdrucksenkende Effekte addieren, dass Wechselwirkungen den Abbau eines Wirkstoffs verlangsamen oder dass eine Nebenwirkung mit einem weiteren Arzneimittel behandelt wird. Typisch sind Situationen, in denen zwei oder drei für sich vertretbare Verordnungen zusammen kritisch werden – etwa ein Blutdrucksenker, ein Diuretikum und ein Schlafmittel bei einem Menschen, der nachts zur Toilette muss. Die Grundlagen beschreibt die Seite Polypharmazie.

Kritische Zeitfenster sind Therapiebeginn und Dosiserhöhungen, die Zeit nach einer Krankenhausentlassung, akute Erkrankungen wie Infekte oder Durchfall, bei denen sich Trinkmenge und Nierenfunktion verändern, sowie Hitzeperioden. Wie Entlassungen organisiert werden, beschreibt die Seite Krankenhausentlassung ins Pflegeheim.

Der Expertenstandard Sturzprophylaxe

Für die Pflege in Deutschland gibt der Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege“ des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) den fachlichen Rahmen vor. Er sieht vor, dass Pflegefachkräfte sturzgefährdete Menschen identifizieren, individuelle Risikofaktoren erfassen und gemeinsam mit den Betroffenen und anderen Berufsgruppen Maßnahmen planen. Die Medikation gehört zu den Risikofaktoren, die dabei berücksichtigt werden. Die Bewertung und Anpassung der Medikation liegt allerdings nicht bei der Pflege, sondern erfordert die Zusammenarbeit mit Ärzten – und kann durch die Apotheke vorbereitet werden.

Auch in externen Qualitätsprüfungen spielt das Thema eine Rolle. Was Prüfer beim Umgang mit Arzneimitteln betrachten, beschreibt die Seite MD-Prüfung: Medikamente.

Was Pflegekräfte beobachten und weitergeben können

Die Pflege sieht, was in keinem Laborwert steht. Diese Beobachtungen sind für die ärztliche und pharmazeutische Bewertung besonders wertvoll, wenn sie zeitlich zugeordnet werden:

  • Sturz oder Beinahe-Sturz – mit Uhrzeit, Situation (Aufstehen, nachts, nach dem Essen) und zeitlichem Bezug zur letzten Arzneimittelgabe
  • Schwindel beim Aufstehen, gegebenenfalls Blutdruck im Liegen und nach dem Aufstehen, wenn ärztlich angeordnet
  • Tagesmüdigkeit, verlangsamte Reaktion, neue Verwirrtheit
  • verändertes Essen und Trinken, Durchfall, Erbrechen, Fieber
  • Hinweise auf Unterzuckerung, insbesondere bei Diabetes und geringer Nahrungsaufnahme
  • häufige nächtliche Toilettengänge
  • jede Neuverordnung oder Dosisänderung in den Wochen vor einem Sturz

In der Schulung von Pflegekräften lassen sich diese Zusammenhänge gezielt vermitteln – mehr unter Schulungsinhalte.

Beispiel aus dem Pflegealltag

Beispiel – keine reale Person

Ein 86-jähriger Bewohner stürzt innerhalb von drei Wochen zweimal nachts auf dem Weg zur Toilette. Vier Wochen zuvor wurde nach einem Krankenhausaufenthalt ein Diuretikum neu angesetzt; er nimmt außerdem zwei Blutdrucksenker und abends ein Schlafmittel. Die Pflegefachkraft dokumentiert die Stürze mit Uhrzeit und Umständen und informiert die Hausarztpraxis. Die Apotheke weist in ihrer Prüfung auf die Kombination aus abendlicher Diuretikagabe, Blutdrucksenkung und Schlafmittel hin. Die Hausärztin verlegt das Diuretikum auf den Morgen, überprüft die Blutdruckeinstellung und plant das Ausschleichen des Schlafmittels. Parallel werden ein Nachtlicht und ein Toilettenstuhl am Bett eingesetzt. Die Medikation war ein Faktor – nicht der einzige.

Checkliste: Medikation und Sturzrisiko

  1. Sturzrisiko systematisch erfassen

    Nach dem Expertenstandard: bei Einzug, nach Stürzen und bei Veränderungen des Zustands.

  2. Sturzrelevante Arzneimittel kennzeichnen

    Welche Wirkstoffe der Person gehören zu den oben genannten Gruppen? Die Apotheke kann sie benennen.

  3. Neuverordnungen und Dosisänderungen beobachten

    In den ersten Tagen und Wochen besonders auf Schwindel, Müdigkeit und Gangunsicherheit achten.

  4. Stürze mit Medikationsbezug dokumentieren

    Uhrzeit, Situation, letzte Gabe, kürzliche Änderungen.

  5. Medikationsanalyse anstoßen

    Nach jedem Sturz und bei wiederholten Beinahe-Stürzen eine pharmazeutische Prüfung und ärztliche Überprüfung anregen.

  6. Selbstmedikation erfragen

    Mitgebrachte Schlafmittel, Hustensäfte oder pflanzliche Beruhigungsmittel erfassen.

  7. Einnahmezeitpunkte hinterfragen

    Ist ein harntreibendes Arzneimittel abends sinnvoll? Wirkt ein Schlafmittel morgens nach? Ärztlich klären lassen.

  8. Akutsituationen beachten

    Bei Infekt, Durchfall, Hitze oder wenig Trinken die Ärztin oder den Arzt fragen, ob die Medikation vorübergehend angepasst werden muss.

Wie Verblisterung und pharmazeutische Begleitung hier helfen können – und wo nicht

Verblisterung senkt das Sturzrisiko nicht unmittelbar. Ein Blister sorgt dafür, dass die verordneten Arzneimittel zum vorgesehenen Zeitpunkt bereitstehen – auch dann, wenn eines davon das Sturzrisiko erhöht. Ein positiver Effekt der Verblisterung auf Gesundheitsendpunkte wie Stürze ist für Pflegeheimbewohner nicht belegt; das IQWiG fand dazu 2019 keine belastbaren Studien (Einzelheiten im Leitfaden zur Verblisterung).

Was die Kombination mit pharmazeutischer Prüfung beitragen kann:

  • Prüfung bei jeder Änderung: Bei antares wird die Medikation vor der Verblisterung geprüft, jede Änderung erneut. Neu hinzukommende sedierende oder blutdrucksenkende Arzneimittel fallen dadurch auf, und Kombinationen können mit der Praxis besprochen werden. Die Prüfstufen beschreibt die Seite Medikationsmanagement.
  • Medikationsanalyse nach Sturz: Eine vertiefte Analyse mit Blick auf sturzrelevante Arzneimittel kann nach Vereinbarung erfolgen; für Menschen mit fünf und mehr Dauerarzneimitteln kommt die erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation als Kassenleistung in Betracht.
  • Einnahmezeitpunkte sichtbar: Weil der Blister nach Zeitpunkten geordnet ist, ist gut erkennbar, was abends und zur Nacht gegeben wird.

Was bleibt: die Sturzrisikoeinschätzung durch die Pflege, die Entscheidung über Therapieänderungen durch die Ärztin oder den Arzt und die vielen nichtmedikamentösen Maßnahmen von Bewegungsförderung bis Umgebungsgestaltung. Speziell zu Psychopharmaka gibt die Seite Psychopharmaka im Pflegeheim weitere Hinweise, zu Interaktionen die Seite Wechselwirkungen.

Quellen und Rechtsgrundlagen
  1. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP): Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung 2022. Hochschule Osnabrück.
  2. Seppala LJ, Petrovic M, Ryg J, et al.: STOPPFall (Screening Tool of Older Persons Prescriptions in older adults with high fall risk): a Delphi study by the EuGMS Task and Finish Group on Fall-Risk-Increasing Drugs. Age Ageing 2021; 50(4): 1189–1199.
  3. Mann NK et al.: Potentially inadequate medications in the elderly: PRISCUS 2.0. Dtsch Arztebl Int 2023; 120: 3–10.
  4. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Patientenindividuelle Verblisterung. Rapid Report A18-35, Köln 2019.
Häufige Fragen

Fragen zu Stürzen und Medikamenten

Welche Medikamente sind besonders sturzrelevant?

Vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva, Antipsychotika und Opioide, außerdem blutdrucksenkende und harntreibende Arzneimittel sowie Antidiabetika mit Unterzuckerungsrisiko. Entscheidend sind oft Kombinationen und kürzliche Änderungen.

Sollte man sturzrelevante Medikamente absetzen?

Nicht eigenständig. Viele dieser Arzneimittel sind wichtig, und manche dürfen nicht abrupt abgesetzt werden. Die Ärztin oder der Arzt wägt Nutzen und Risiko ab und entscheidet über Dosisanpassung, Umstellung oder Ausschleichen.

Was sollte nach einem Sturz mit der Medikation passieren?

Der Sturz sollte mit Uhrzeit, Situation und Bezug zu kürzlichen Medikationsänderungen dokumentiert und an die Hausarztpraxis gemeldet werden. Eine pharmazeutische Prüfung kann sturzrelevante Arzneimittel und Kombinationen identifizieren und die ärztliche Überprüfung vorbereiten.

Was sagt der Expertenstandard Sturzprophylaxe zur Medikation?

Der DNQP-Expertenstandard zählt die Medikation zu den Risikofaktoren, die bei der Einschätzung des Sturzrisikos zu berücksichtigen sind. Die Pflege erfasst das Risiko und plant Maßnahmen interprofessionell; Änderungen der Medikation entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Senkt Verblisterung das Sturzrisiko?

Ein solcher Effekt ist nicht belegt. Verblisterung organisiert die Einnahme. Zum Sturzrisiko kann vor allem die pharmazeutische Prüfung der Medikation beitragen, die bei antares der Verblisterung vorausgeht und bei Änderungen wiederholt wird.

Porträt Sinah Gaebert
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Sinah Gaebert
Leitung Patientenindividuelle Verblisterung · Fachapothekerin für klinische Pharmazie

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