Die Nierenfunktion bestimmt, wie schnell viele Arzneimittel ausgeschieden werden; rund die Hälfte der Wirkstoffe oder ihrer Abbauprodukte verlässt den Körper über die Nieren. Lässt sie im Alter nach, können sich Arzneimittel anreichern. Ob eine Dosis angepasst wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt anhand aktueller Laborwerte – Pflegeheime sorgen dafür, dass diese vorliegen und weitergegeben werden.
Inhalt dieser Seite
- Warum die Niere bei Arzneimitteln im Alter so wichtig ist
- Kreatinin, eGFR, Kreatinin-Clearance: Welche Werte gibt es?
- Was Studien über Nierenfunktion und Medikation in Pflegeheimen zeigen
- Wenn sich die Nierenfunktion plötzlich ändert
- Vom Laborwert zur Medikationsprüfung: Wie der Wert die Apotheke erreicht
- Was Pflegeheime konkret beitragen können
- Was die Apotheke beiträgt – und wo die Grenzen liegen
Warum die Niere bei Arzneimitteln im Alter so wichtig ist
Die Nieren filtern das Blut und scheiden dabei auch Arzneistoffe und deren Abbauprodukte aus. Nach einer Übersicht im Deutschen Ärzteblatt gilt das für etwa die Hälfte aller Arzneimittel. Arbeiten die Nieren langsamer, bleibt ein Wirkstoff länger im Körper. Bei gleicher Dosis steigt dann seine Konzentration im Blut – mit der Folge, dass unerwünschte Wirkungen wahrscheinlicher werden, etwa Schwindel, Verwirrtheit, Blutungen oder Unterzuckerungen, je nach Wirkstoff.
Die Nierenfunktion nimmt mit dem Alter häufig ab, sehr unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Dazu kommen Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzschwäche, die die Nieren zusätzlich belasten. Für viele Wirkstoffe sieht die Fachinformation deshalb vor, die Dosis bei eingeschränkter Nierenfunktion zu verringern, das Einnahmeintervall zu verlängern oder auf ein anderes Arzneimittel auszuweichen. Für die Prüfung braucht es eine Voraussetzung, die im Pflegeheimalltag oft fehlt: einen aktuellen Laborwert.
Diese Seite beschreibt die Prozessebene – welche Werte es gibt, wer sie wann braucht und wie sie die Apotheke erreichen. Sie enthält bewusst keine Dosierungstabellen. Dosisanpassungen sind ärztliche Entscheidungen im Einzelfall.
Kreatinin, eGFR, Kreatinin-Clearance: Welche Werte gibt es?
Die Nierenfunktion wird im Alltag nicht direkt gemessen, sondern aus Blutwerten geschätzt. Welcher Wert für ein Arzneimittel maßgeblich ist, steht in dessen Fachinformation – und das ist nicht bei allen Arzneimitteln derselbe. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft weist darauf hin, dass sich Fachinformationen teils auf die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR), teils auf die geschätzte Kreatinin-Clearance oder auf das Serumkreatinin beziehen.
| Wert | Was er aussagt | Grenze im Alter |
|---|---|---|
| Serumkreatinin | Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels, das über die Nieren ausgeschieden wird. Steigt bei nachlassender Nierenfunktion. | Hängt auch von Muskelmasse, Alter und Geschlecht ab. Bei wenig Muskelmasse kann der Wert unauffällig wirken, obwohl die Nierenfunktion eingeschränkt ist. |
| eGFR | Aus dem Kreatinin (teils zusätzlich Cystatin C) per Formel geschätzte Filterleistung, angegeben in ml/min je 1,73 m² Körperoberfläche. | Auf eine Standard-Körperoberfläche bezogen; bei sehr kleinen, leichten Menschen kann sie die tatsächliche Leistung überschätzen. |
| Geschätzte Kreatinin-Clearance (Cockcroft-Gault) | Formel mit Kreatinin, Alter, Körpergewicht und Geschlecht. Manche Fachinformationen beziehen ihre Dosierungsstufen darauf. | Braucht ein aktuelles Körpergewicht – im Heim ein oft unterschätzter Datenpunkt. |
| Cystatin C | Weiterer Blutwert, unabhängig von der Muskelmasse. Die Kombination mit Kreatinin verbessert laut internationaler Leitlinie (KDIGO 2024) die Genauigkeit der Schätzung. | Nicht überall Routine; Einsatz ist ärztliche Entscheidung. |
Alle Formeln setzen eine stabile Nierenfunktion voraus. Bei einer akuten Verschlechterung, etwa durch einen schweren Infekt mit Flüssigkeitsverlust, sind sie nicht aussagekräftig. Von einer chronischen Nierenerkrankung sprechen die internationalen KDIGO-Leitlinien, wenn Auffälligkeiten – etwa eine eGFR unter 60 ml/min/1,73 m² – länger als drei Monate bestehen.
Was Studien über Nierenfunktion und Medikation in Pflegeheimen zeigen
Eine große deutsche Untersuchung dazu ist die IMREN-Studie eines Forschungsteams um Falk Hoffmann von der Universität Oldenburg. Sie untersuchte 852 Bewohner aus 21 Pflegeheimen in Bremen und Niedersachsen (Hoffmann et al., Deutsches Ärzteblatt International 2016).
- Für 685 Bewohner lagen Angaben zur Nierenfunktion vor. Davon hatten knapp 48 Prozent eine mittelgradige und 15 Prozent eine hochgradige Einschränkung.
- 135 Bewohner – knapp 20 Prozent der Gesamtgruppe – erhielten mindestens ein Arzneimittel, das nicht an ihre Nierenfunktion angepasst oder bei ihr kontraindiziert war. Bezogen auf Bewohner mit bekannter Nierenschwäche waren es gut 30 Prozent.
- Für 167 der 852 Bewohner fehlten Daten zur Nierenfunktion. Die Autoren sprachen sich für eine mindestens jährliche Bestimmung des Kreatininwerts aus.
Einordnung: Die Daten stammen aus einer regionalen Querschnittsstudie und sind einige Jahre alt. Sie zeigen nicht, wie häufig daraus Schäden entstanden sind, und lassen sich nicht ohne Weiteres auf einzelne Einrichtungen übertragen. Sie zeigen aber deutlich, wo der Engpass liegt: bei der Verfügbarkeit aktueller Werte und ihrer Berücksichtigung in der Verordnung.
Wenn sich die Nierenfunktion plötzlich ändert
Die Nierenfunktion ist kein fester Wert. Bei älteren Menschen kann sie sich innerhalb weniger Tage verschlechtern, etwa bei Durchfall, Erbrechen, Fieber, geringer Trinkmenge oder großer Hitze. Gerade dann können Arzneimittel, die den Flüssigkeitshaushalt oder die Nierendurchblutung beeinflussen, zusätzlich belasten. In Großbritannien sind dafür „Sick Day Rules“ verbreitet – Empfehlungen, welche Arzneimittel bei solchen Erkrankungen vorübergehend ärztlich überprüft werden sollten. Genannt werden dort unter anderem harntreibende Mittel, bestimmte Blutdrucksenker, entzündungshemmende Schmerzmittel und Metformin.
Arzneimittel werden nicht eigenständig pausiert. Wenn ein Bewohner wenig trinkt, Durchfall oder Erbrechen hat oder plötzlich verwirrt wirkt, informieren Sie die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt und nennen dabei die aktuelle Medikation. Ob ein Arzneimittel pausiert oder angepasst wird, entscheidet die Ärztin oder der Arzt. Hinweise für heiße Tage gibt die Seite Hitze und Medikamente in der Pflege.
Vom Laborwert zur Medikationsprüfung: Wie der Wert die Apotheke erreicht
Eine nierenfunktionsabhängige Prüfung ist nur so gut wie die Daten, die ihr zugrunde liegen. In der Praxis scheitert sie selten am Fachwissen, häufig an der Frage, wer den Wert hat und wie er weitergegeben wird.
- BlutentnahmeÄrztlich veranlasst, etwa bei der Visite oder bei Verdacht auf VerschlechterungArzt
- Befund ablegenLaborbefund mit Datum in der Bewohnerdokumentation, aktuelles Körpergewicht dazuPflege
- WeitergebenMit Einwilligung und über einen sicheren Weg an die Apotheke, z. B. bei Neueinzug oder PlanänderungGemeinsam
- PrüfenAbgleich der Dosierungen mit der Fachinformation, begründeter Hinweis bei AuffälligkeitenApotheke
- EntscheidenAnpassen, umstellen oder bewusst beibehalten; schriftliche AnordnungArzt
Laborwerte sind Gesundheitsdaten. Ihre Weitergabe an die Apotheke setzt eine Rechtsgrundlage voraus, in der Regel die Einwilligung der Bewohnerin oder des Bewohners bzw. der gesetzlichen Vertretung, und einen sicheren Übertragungsweg wie den KIM-Dienst der Telematikinfrastruktur. Wie die Zusammenarbeit mit der Arztpraxis organisiert werden kann, beschreibt die Seite Zusammenarbeit mit Hausarztpraxen.
Donnerstag, 16:30 Uhr: Ein 88-jähriger Bewohner bekommt wegen eines Harnwegsinfekts ein Antibiotikum verordnet. Er trinkt seit zwei Tagen wenig. Der letzte Kreatininwert in der Akte ist 14 Monate alt, ein aktuelles Gewicht fehlt. Die Apotheke sieht bei der Prüfung der neuen Verordnung, dass die Fachinformation die Dosis vom Nierenwert abhängig macht, und fragt bei der Praxis nach. Die Ärztin veranlasst eine Blutentnahme am nächsten Morgen und legt danach die Dosis fest. Die Pflege dokumentiert Trinkmenge und Gewicht. Niemand hat dabei etwas falsch gemacht – es fehlte nur ein Datenpunkt.
Was Pflegeheime konkret beitragen können
Eine Einrichtung kann die Nierenfunktion nicht beurteilen und keine Dosis ändern. Sie kann aber dafür sorgen, dass die Voraussetzungen für eine gute Entscheidung vorliegen.
Datum des letzten Nierenwerts sichtbar machen
Den letzten Kreatinin- bzw. eGFR-Wert mit Datum an einer festen Stelle der Bewohnerdokumentation führen, damit auffällt, wenn er alt ist.
Körpergewicht aktuell halten
Das Gewicht regelmäßig erfassen; es wird für manche Berechnungen gebraucht und ist zugleich ein Hinweis auf Flüssigkeits- und Ernährungszustand.
Anlässe für eine Rückfrage kennen
Neueinzug, Rückkehr aus dem Krankenhaus, neue Dauerverordnung, Infekt mit Flüssigkeitsverlust: bei der Arztpraxis nachfragen, ob ein aktueller Wert vorliegt oder sinnvoll ist.
Beobachtungen dokumentieren
Trinkmenge, Urinausscheidung, neue Müdigkeit oder Verwirrtheit zeitnah festhalten und weitergeben.
Weitergabe regeln
Mit Arztpraxis und Apotheke vereinbaren, wer Laborbefunde auf welchem sicheren Weg weitergibt, und die Einwilligung dafür bei Einzug einholen.
Arztbriefe nutzen
Entlassbriefe aus dem Krankenhaus enthalten oft aktuelle Nierenwerte. Sie gehören mit zur Medikationsübersicht, die an die Apotheke geht.
Was die Apotheke beiträgt – und wo die Grenzen liegen
Die antares Apotheke in Hamburg-Jenfeld berücksichtigt bei der pharmazeutischen Medikationsprüfung für Pflegeeinrichtungen die Nierenfunktion, soweit Werte vorliegen und die Übermittlung vereinbart ist. Geprüft wird, ob verordnete Dosierungen zu den Angaben der Fachinformation passen und ob ein Arzneimittel bei der vorliegenden Nierenfunktion ungeeignet sein könnte. Auffälligkeiten gehen als begründeter Hinweis an die verordnende Praxis. Wie das Verfahren aufgebaut ist, beschreibt die Seite Medikationsmanagement; wie Nierenfunktion und Wechselwirkungen zusammenhängen, die Seite Wechselwirkungen.
Bei verblisterter Versorgung kommt ein organisatorischer Punkt hinzu: Ändert die Ärztin oder der Arzt eine Dosis, muss die Änderung zu einem klaren Zeitpunkt im Blister ankommen. Wie das abläuft und was bis dahin gilt, steht auf der Seite Medikationsänderungen. Die Verblisterung selbst prüft keine Nierenfunktion; sie verpackt, was verordnet ist.
Ohne aktuellen Laborwert kann die Apotheke nur auf das Fehlen hinweisen, nicht bewerten. Klinische Zeichen wie Exsikkose sieht sie nicht. Die Entscheidung über Blutentnahmen, Dosierung und Therapie liegt bei der Ärztin oder beim Arzt.
- Hoffmann F, Boeschen D, Dörks M, Herget-Rosenthal S, Petersen J, Schmiemann G: Renal insufficiency and medication in nursing home residents – a cross-sectional study (IMREN). Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 92–98. doi:10.3238/arztebl.2016.0092.
- Universität Oldenburg: Medikation im Pflegeheim – die Niere nicht vergessen. Pressemitteilung vom 31.03.2016.
- Zieschang S: „Genau richtig dosieren“ bei Niereninsuffizienz – aber wie? Arzneiverordnung in der Praxis (AVP), Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Ausgabe 1/2020.
- Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO): Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease, 2024.
- NHS Scotland, Effective Prescribing and Therapeutics: Sick Day Rules (abgerufen 17.10.2026).
- Jaehde U, Wismar L: Organalterung – Was bei Senioren zu beachten ist. Pharmazeutische Zeitung, 20.04.2023.
Fragen zu Nierenfunktion und Medikamenten
Warum ist der Kreatininwert normal, obwohl die Nierenfunktion eingeschränkt ist?
Kreatinin entsteht im Muskelstoffwechsel. Ältere Menschen mit wenig Muskelmasse bilden weniger Kreatinin, sodass der Blutwert unauffällig wirken kann, obwohl die Nieren langsamer arbeiten. Deshalb werden Formeln wie die eGFR oder die geschätzte Kreatinin-Clearance genutzt, die Alter und teils Körpergewicht einbeziehen.
Welcher Nierenwert ist für die Dosierung von Medikamenten maßgeblich?
Das legt die Fachinformation des jeweiligen Arzneimittels fest. Manche beziehen sich auf die eGFR, andere auf die geschätzte Kreatinin-Clearance nach Cockcroft-Gault, einzelne auf das Serumkreatinin, teils kombiniert mit Alter und Körpergewicht. Welcher Wert im Einzelfall gilt, beurteilen Ärztin oder Arzt und Apotheke.
Wie oft sollte die Nierenfunktion im Pflegeheim kontrolliert werden?
Ein verbindliches Intervall für alle Bewohner gibt es nicht; die Häufigkeit legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest. Die Autoren der deutschen IMREN-Studie sprachen sich für eine mindestens jährliche Kreatininbestimmung bei Pflegeheimbewohnern aus. Bei Neueinzug, nach Krankenhausaufenthalten oder akuten Erkrankungen kann ein aktueller Wert zusätzlich sinnvoll sein.
Welche Medikamente müssen bei eingeschränkter Nierenfunktion angepasst werden?
Sehr viele. Nach Angaben der Autoren der IMREN-Studie erhielten rund 90 Prozent der untersuchten Pflegeheimbewohner mindestens ein Arzneimittel, das bei Niereninsuffizienz angepasst werden muss oder kontraindiziert ist. Betroffen sind unter anderem bestimmte Antidiabetika, Gerinnungshemmer, harntreibende Mittel und entzündungshemmende Schmerzmittel. Ob und wie angepasst wird, steht in der Fachinformation und wird ärztlich entschieden.
Darf die Apotheke die Laborwerte von Heimbewohnern erhalten?
Ja, wenn eine Rechtsgrundlage besteht, in der Regel die Einwilligung der Bewohnerin oder des Bewohners bzw. der gesetzlichen Vertretung. Die Übermittlung sollte über einen sicheren Weg erfolgen, etwa den KIM-Dienst der Telematikinfrastruktur, nicht über unverschlüsselte E-Mail oder Webformulare.
Was tun, wenn ein Bewohner wenig trinkt oder Durchfall hat?
Informieren Sie die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt und nennen Sie die aktuelle Medikation, Trinkmenge und Beobachtungen. Bei Flüssigkeitsverlust kann sich die Nierenfunktion rasch verschlechtern, und manche Arzneimittel müssen dann ärztlich überprüft werden. Pausieren Sie keine Arzneimittel ohne ärztliche Anordnung.
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